Berufliche Integration sichern, Qualifizierung stärken: Zielgruppenerreichung in Qualifizierung on the Job

Viele zugewanderte Fachkräfte arbeiten unterhalb ihrer Qualifikation, trotz hoher Motivation und vorhandener Kompetenzen. Berufsbegleitende Qualifizierung kann hier ansetzen, steht jedoch im Spannungsfeld zwischen schneller Arbeitsmarktintegration und nachhaltigem Kompetenzerwerb. Wie es gelingen kann, diese Zielgruppe zu erreichen und Potenziale gemeinsam mit Unternehmen weiterzuentwickeln, zeigt ein Praxisbeispiel aus dem Förderprogramm IQ. 

Unterwertige Beschäftigung, also eine Tätigkeit unterhalb des erworbenen Berufsabschlusses, ist kein Randphänomen.Für Betroffene kann sie mit unerfüllten Bildungsrenditenii, dem Gefühl der Unterforderung und geringerer Lebenszufriedenheit einhergehen. iii iv Langfristig können sich zudem Karrierechancen verschlechtern, da unterwertige Beschäftigung als negatives Signal auf dem Arbeitsmarkt wirkt und den Wiedereinstieg in eine qualifikationsadäquate Tätigkeit erschwert.v Besonders relevant ins dieses Thema für Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Ausländer*innen sind insgesamt seltener unterwertig beschäftigt als deutsche Beschäftigte. Dies ist vor allem auf das insgesamt niedrigere formale Qualifikationsniveau zurückzuführen, denn rund die Hälfte der ausländischen Staatsbürger*innen verfügt über keine abgeschlossene oder anerkannte Berufsausbildung. Betrachtet man jedoch einzelne Qualifikationsstufen, zeigt sich ein anderes Bild: Innerhalb vergleichbarer Abschlüsse sind ausländische Fachkräfte deutlich häufiger unterwertig beschäftigt als deutsche.vi vii viii

Dabei kommt formalen Qualifikationen auf dem deutschen, stark zertifizierten Arbeitsmarkt eine zentrale Bedeutung zu. Anerkannte Abschlüsse erhöhen in der Regel die Wahrscheinlichkeit für Erwerbstätigkeit, höhere Entlohnung und Arbeitsplatzsicherheit. Personen ohne formalen Berufsabschlus sind entsprechend stärker von Arbeitslosigkeit betroffen. Für viele Zugewanderte liegt die Hürde jedoch nicht bei fehlenden Kompetenzen, sondern in der eingeschränkten Verwertbarkeit ihrer im Ausland erworbenen Qualifiaktionen, mit der Folge einer Beschäftigung unterhalb ihres eigentlichen Potenzials.ix

Mit dem von der Bundesregierung eingeführten Job-Turbox wird angestrebt, insbesondere Geflüchtete nach Sprach- oder Integrationskursen schnell in Arbeit zu vermitteln und weitere Qualifizierung "on the Job" zu ermöglichen.xi xii xiii Dadurch gewinnt beschäftigungsbegleitende Qualifizierung deutlich an Bedeutung, um diese frühe Arbeitsaufnahme mit einer Weiterentwicklung beruflicher und sprachlicher Kompetenzen zu verbinden.xiv Denn es besteht die Gefahr von Lock-in-Effekten: Hochqualifizierte Personen verbleiben ohne ausreichende Förderung häufig dauerhaft in niedrigqualifizierten, niedrig entlohnten Tätigkeiten, ohne eine langfristige berufliche Perspektive zu entwickeln.xv Gleichzeitig bleibt in der Praxis oft wenig Raum für zeitintensive Sprach- und Qualifizierungsangebote, obwohl ausreichende Deutschkenntnisse eine zentrale Voraussetzung für nachhaltige Arbeitsmarktintegration darstellen.xvi

Auf diese veränderten Anforderungen reagiert das BMAS unter anderem im Rahmen der Ausrichtung des Förderprogramms IQ - Integration durch Qualifizierung. Das Förderprogramm unterstützt die nachhaltige Integration von erwachsenen Menschen ausländischer Herkunft in den deutschen Arbeitsmarkt.xvii Mit "Qualifizierung on the Job" werden insbesondere Personen adressiert, die unterhalb ihrer im Ausland erworbenen Qualifikationen beschäftigt sind oder den Einstieg in eine Fachkräftetätigkeit noch nicht geschaffft haben.xviii

Wie diese Ansätze in der Praxis umgesetzt werden können, wie die Zielgruppe erreicht werden kann und wo Herausforderungen liegen, zeigt das folgende Interview mit den Kolleg*innen des IQ Angebots "Next Level". Das Angebot ist eines von mehreren Beispielen berufsbegleitender Qualifizierungen im Rahmen des Förderprogramms IQ. 

Welchen besonderen Ansätze verfolgt "Next Level" (SBH Nordost GmbH ) innerhalb des Förderprogramms IQ?

Viele Menschen mit Zuwanderungsbiografie sind hoch motiviert, sich in den deutshcen Arbeitsmarkt zu integrieren. Durch Phase 1 des Job-Turbo konnten bereits viele Personen in Beschäftigung vermittelt werden, häufig jedoch unterhalb ihrer Qualifiaktion. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels besteht hier ein erhebliches Potenzial. Gleichzeitig bieten diese Helfertätigkeiten oft nur begrenzte Entwicklungsmöglichkeiten und sich nicht selten befristet oder prekär.

Genau hier setzt das Projekt "Next Level" bei  SBH Nordost GmbH an. Es richtet sich an Beschäftigte sowie potenzielle Arbeitnehmende mit guten Integrationschancen und zielt darauf ab, vorhandene Potenziale sichtbar zu machen und durch gezielte Qualifizierung weiterzuentwickeln. Dies erfolgt in enger Zusammenarbeit mit kleinen und mittleren Unternehmen sowie relevanten Netzwerkpartnern. 

Im Mittelpunkt steht die Weiterentwicklung im bestehenden Beschäftigungsverhätlnis: Durch Weiterbildung und (Teil-)Qualifizierung sollen vorhandene Kompetenzen besser genutzt werden und Perspektiven für qualifiaktionsadäquate Beschäftigung geschaffen werden. Gleichzeitig ergeben sich für die Unternehmen echte Mehrwerte, da offene Stellen mit bereits vorhandenen Arbeitnehmenden als Fachkräfte besetzt werden können. 

Die Identifizierung des Potenzials, dessen Nutzbarmachung durch Qualifizierung und Weiterbildung sowie die Finanzierung und Organsiation der notwendigen Maßnahmen überfordern viele KMU. Gleichzeitig ist es Personen mit Zuwanderungsgeschichte kaum möglich, sich selbstständig weiterzubilden oder zu qualifizieren.

Die Schließung dieser Lücke in der Fachkräftesicherung unterstützt unser Projekt, in dem beide Partner (KMU und jeweilige Beschäftigte) entsprechend vorhandener Bedarfe und Möglichkeiten beraten und begleitet werden. 

Wie gelingt es "Next Level" unterqualifiziert beschäftigte Personen mit Zuwanderungsbiografie zu erreichen und für berufsbegleitende Qualifizierungsangebote zu gewinnen?

Es gibt zwei maßgebliche Zugangswege:

1. Zugang durch migrantische Arbeitnehmende: Die enge Kooperation im Netzwerk, unter anderem mit den Weiterbildungsagenturen in der Region, den Beratenden der Bundesagentur für Arbeit sowie mit migrantischen Netzwerken und Organisationen, wird genutzt, um die Arbeit des Projekts bei der Zielgruppe bekannt zu machen. Eine weitere wichtige Säule im direkten Zugang sind die Beratungsstellen zur beruflichen Anerkennung im IQ-NEtzwerk, die eigene Öffentlichkeitsarbeit sowie die Teilnahme an Berufsmessen und Informationsveranstaltungen.

2. Zugang zu KMU: Neben den hier ebenfalls genutzten Wegen über Netzwerke, insbesondere Arbeitgebendennetzwerke, eigene Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen, steht die direkte Ansprache der KMU in der Zielgregion im Vordergrund. Durch die aufsuchende Beratung ist es möglich, gemeinsam mit den Arbeitgebenden die unterqualifiziert beschäftigten Personen mit Zuwanderungsbiografie zu erreichen und zu fördern.

Mit welchen spezifischen Herausforderungen sind Menschen mit Zuwanderungsbiografie konfrontiert, die trotz vorhandener Qualifikationen in unterqualifizierter Beschäftigung arbeiten?

Aus unserer Sicht führt der Weg zur erfolgreichen Nutzbarmachung vorhandener Potenziale fast ausschließlich über die Arbeitgebenden. Ins unserer durch KMU geprägten Region ist es den Arbeitgebenden jedoch aufgrund fehlenden Wissens, fehlender zeitlicher und personeller Ressourcen sowie meist fehlender finanzieller Mittel kaum möglich, ohne externe Unterstützung erfolgreich die notwendigen Bildungsketten zu schaffen. 

Daher liegt ein Schwerpunk auf der gemeinsamen Identifizierung vorhandener Potenziale in enger Kooperation mit Arbeitnehmenden und -gebenden. Diese Zusammenarbeit setzt sich dann bei der Gestaltung der notwendigen Qualifizierungswege fort. Hier gibt es die vielfältigsten Möglichkeiten: Inhouse-Qualifizierungen, berufsbegleitende Angebote, Vollzeitangebote mit Freistellung durch den Betrieb und vieles mehr. Dabei richtet sich die konkrete Ausgestaltung immer nach dem Potenzial der unterqualifiziert beschäftigten Person mit Zuwanderungsbiografie und den Bedarfen an KMU. Diese enge Verknüpfung von Potenzial und Bedarf schafft für die Betroffenen Sicherheit und für die Arbeitgebenden einen klar erkennbaren Nutzen.

Beitrag von Nora-Marliese Bamberger für den Newsletter 1/2026 des Förderprogramms IQ. Interviewpartner ist das Qualifizierungsteilvorhaben "Next Level" von SBH Nordost GmbH. Das Teilprojekt wird von RINIA IQ Vernetzt in Thüringen (Bildungswerk der Thüringer Wirtschaft) koordiniert.

 

Quellen

i) Burkert, C., & Schaade, P. (2020). Adäquat beschäftigt? Formale Überqualifzierung von Beschäftigten in Hessen (IAB-Regional No. 1; Berichte und Analysen aus dem Regionalen Foschungsnetz). Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. https://www.econstor.eu/bitstream/10419/224095/1/172613279X.pdf


ii) Kracke, N. (2016). Unterwertige Beschäftigung von AkademikerInnen in Deutschland: Die Einflussfaktoren Geschlecht, Migrationsstatus und Bildungsher-kunft und deren Wechselwirkungen. Soziale Welt, (67), 177–204. https://www.jstor.org/stable/24754679?utm_source=copilot.com


iii) Schiele, S. (2025). Perspektive von Kriegsflüchteten aus der Ukraine. Arbeitsmarktintegration, Job-Turbo und qualifikationsadäquate Beschäftigung. ImDia-log. Beiträge aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Jubiliäumstagung zum 40-jährigen Bestehen (7), 151–167.


iv) Ueno, K., & Krause, A. (2018, März 1). Overeducation, Perceived Career Progress, and Work Satisfaction in Young Adulthood. Research in Social Stratifica-tion and Mobility


v) Pollmann-Schult, M. & Büchel, F. (2002). Ausbildungsinadäquate Erwerbstätigkeit: Eine berufliche Sackgasse? Eine Analyse für jüngere Nicht-Akademiker in Westdeutschland. Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, (35), 371–384.


vi) Burkert & Schaade, 2020


vii) Gericke, P.-A., & Schmid, A. (2019). Berufliche Qualifikationsmismatches bei Beschäftigten. Forschung Aktuell, WSI Mitteilungen, 71. JG(6/2019), 451–458.


viii) Kracke, 2016


ix) Burkert & Schade, 2020


x) Bundesministerium für Arbeit und Soziales. (o. J.). Job-Turbo zur Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten. Abgerufen https://www.bmas.de/DE/Ar-beit/Migration-und-Arbeit/Flucht-und-Aysl/Turbo-zur-Arbeitsmarktintegration-von-Gefluechteten/turbo-zur-arbeitsmarktintegration-von-gefluechte-ten.html

 

xi) Bock, K., Roser, L., Proitschew, O., & Künzel, T. (2024). Geflüchtete beschäftigungsbegleitend qualifizieren. Empfehlungen für ein komplexes Unterfangen. Bilden für die Demokratie, wbv Publikation, 49–52. https://elibrary.utb.de/doi/pdf/10.3278/WBDIE2403W018


xii) Bundesministerium für Arbeit und Soziales, o. J.


xiii) Schiele, 2025


xiv) Bock et al. 2024


xv) Ebd.


xvi) Lewicki et al., 2025


xvii) IQ Fachstelle Einwanderung und Integration. (o. J.). Das Förderprogramm IQ - Integration durch Qualifizierung. Minor - Projektkontor Bildung und For-schung gGmbH. Abgerufen https://netzwerk-iq.de/


xviii) Bundesministerium für Arbeit und Soziales. (2025, März 10). Förderrichtlinie zum ESF Plus-Bundesprogramm Europäischer Sozialfonds Plus (ESF Plus) Förderperiode 2021 bis 2027 Förderprogramm IQ - Integration durch Qualifizierung. Bundesanzeiger. https://www.bundesanzeiger.de/pub/de/amtliche-veroeffentlichung?7 

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