3 Fragen zur ... Nutzung der Szenario-Methode im virtuellen Raum
Durch die Szenario-Methode bekommt das Sprachenlernen einen konkreten praktischen Bezug. Doch wie lässt sie sich in Online-Kursen nutzen? Darüber haben wir mit Olga Haber und Jana Laxczkowiak von der IQ Fachstelle Berufsbezogenes Deutsch und mit Cathrin Thomas vom IQ Netzwerk Nordrhein-Westfalen gesprochen.
1. Was genau ist die Szenario-Methode?
Olga Haber: Bevor wir über die Szenario-Methode oder -Didaktik sprechen, sollten wir uns den Begriff Szenario anschauen. Ein Szenario ist im Kontext Berufsbezogenes Deutsch ein Ausschnitt aus dem realen Berufsleben, in dem Beteiligte mit einander sprachlich agieren. Es wird immer als eine Geschichte konzipiert und hat eine*n Protagonist*in, der*die eine Abfolge von kurzen Szenen (Schritten) sprachlich bewältigen muss. Ein Beispiel ist die Praktikantin Amina Sabia in unserem neuen Szenario „Erster Tag im Praktikum“, das die Autorin Anne Sass entwickelt hat. Im ersten Schritt telefoniert Amina mit der Chefin der Firma, in der sie bald ihr Praktikum beginnt, und stellt ihre Fragen. Im nächsten Schritt führt sie in der Firma ein Gespräch über ihren Arbeitsbereich. Danach erledigt sie zusammen mit einem Kollegen eine Aufgabe und stellt dabei einen Fehler fest (Schritt 3). Sie finden gemeinsam eine Lösung (Schritt 4), gehen in die Kantine und führen dort ein Gespräch in der Mittagspause (Schritt 5).
Szenario-Didaktik ist ein Werkzeug, das einer Lehrkraft zur Verfügung steht, um die Lernenden im Deutschunterricht auf das Szenario vorzubereiten, es „auf die Bühne“ zu bringen, also im Unterricht zu spielen und im Anschluss daran zu evaluieren. Szenario-Didaktik erfordert von Lehrkräften ein großes Methodenrepertoire und ist besonders für den berufsbezogenen Deutschunterricht geeignet, denn die Teilnehmenden werden auf die sprachlichen Situationen vorbereitet, die ihnen in ihrem Beruf begegnen werden.
2. Wie kann die Methode im virtuellen Raum eingesetzt werden? Welche Grenzen oder auch Möglichkeiten bestehen im Vergleich zum analogen Raum?
Jana Laxczkowiak: Natürlich ist das Überzeugende an dieser Methode, dass das Sprachenlernen einen konkreten praktischen Bezug bekommt und sprachliches Wissen und kommunikatives Können spontan und beruflich relevant angewendet werden kann. Aus szenarienbasierten Fachsprachprüfungen wissen wir aber auch, wie wichtig für das Bewältigen einer bestimmten Situation und Rolle die räumlichen Bedingungen, unterstützende Realien sowie Mimik und Gestik der beteiligten Protagonist*innen sind. Je mehr außerdem das sprachliche Handeln eines Szenarios mit körperlichen Tätigkeiten verbunden ist, desto mehr Kreativität ist nötig für die Inszenierung im virtuellen Raum.
Bis Lernende jedoch der Aufgabe gewachsen sind, ein Szenario wie das zum ersten Tag im Praktikum vollständig durchzuspielen, braucht es in der Regel eine längere Vorbereitung in vielen kleinen Schritten. Um die vielfältigen Teilkompetenzen aufzubauen – von der Wahl des passenden Registers, der korrekten sprachlichen Mittel bis hin zur flüssigen Anwendung – bieten sich verschiedene Aufgaben- und Übungsformen an, die sich sehr gut auch online einsetzen lassen. Das können zum Beispiel Minidialoge sein, das Trainieren von Chunks – also kleinen Sprachbausteinen – oder von Redemitteln. Ein Vorteil des Online-Kurses ist außerdem die Möglichkeit der unkomplizierten Aufzeichnung von Rollenspielen, die dann gut evaluiert werden können.
3. Welche Tipps haben Sie für Qualifizierungsanbieter, die die Szenario-Methode virtuell einsetzen möchten?
Cathrin Thomas: Die Einbindung von Szenarien in Qualifizierungsformate setzt bei Lehrkräften bzw. Dozent*innen wie Teilnehmenden einige Punkte voraus, die eingeplant werden müssen.
Aufgrund der Komplexität von Szenarien brauchen die Lernenden eine intensive Begleitung durch versierte Trainer*innen. Bildungsträgern würde ich daher raten: Ermöglichen Sie den Dozent*innen ausreichend (Einarbeitungs-)Zeit, da der Einsatz von Szenarien Vorbereitungsaufwand erfordert. Das betrifft zum Beispiel die Materialerstellung sowie die Einrichtung und Betreuung eines virtuellen Kursraumes.
Die Bewältigung eines kompletten Szenarios ist in der Regel eher das Ziel eines Moduls bzw. einer virtuellen Qualifizierungsmaßnahme. Raten Sie daher den Dozent*innen, vollständig szenarienbasierte Einheiten eher zum Ende des Kurses einzuplanen oder Szenarien als Lernerfolgskontrolle zu nutzen und bieten Sie dazu den organisatorischen Rahmen.
Die Erfahrung aus der Praxis zeigt, dass solche szenarienbasierte Lernerfolgskontrollen bzw. Prüfungen sich häufig gut virtuell vorbereiten, in vielen Bereichen auch virtuell durchführen lassen. Hier sind allerdings weitere Erprobungen und Erfahrungen notwendig, so dass Sie als Qualifizierungsanbieter prüfen sollten, ob Sie auf diese Lernerfolgskontrolle sinnvoller Weise setzen werden.
Ermöglichen Sie den Dozent*innen, alle Möglichkeiten hochwertiger virtueller Lehr- und Lernangebote zu nutzen. Gern verweise ich an der Stelle auf die Qualitätskriterien für den Einsatz digitaler Medien im berufsbezogenen Deutschunterricht der IQ Fachstelle Berufsbezogenes Deutsch. Dazu gehört neben virtuellen Live-Sessions (mit der Möglichkeit, beispielsweise Break-Out-Sessions zu bilden) auch der Einsatz eines Lernmanagementsystems (somit die Möglichkeit, die Lerninhalte abzulegen, für die Lerngruppe zugänglich zu machen und zur eigenständigen Bearbeitung zur Verfügung zu stellen). Nur so wird die Methode virtuell sinnvoll umsetzbar.
Und noch ein Hinweis zum Schluss: Szenarienarbeit ist kein Selbstzweck und braucht ein didaktisches Fundament. Daher sollte sie immer mit weiteren didaktischen und methodischen Ansätzen eines guten berufsbezogenen Deutschunterrichts kombiniert werden.
Nützliche Informationen zu Fortbildungsangeboten und Literatur rund um die Szenario-Methode und -Didaktik gibt es auf der Homepage der IQ Fachstelle Berufsbezogenes Deutsch: www.deutsch-am-arbeitsplatz.de.
Beitrag für den Newsletter 4/2021 der IQ Fachstelle Beratung und Qualifizierung
