Qualifizierung und Kompetenzerfassung: digital und international!
Auf der Internationalen Metropolis Konferenz in Berlin bot die IQ Fachstelle Beratung und Qualifizierung des Forschungsinstituts Betriebliche Bildung (f-bb) gemeinsam mit dem Projekt Cities Managing Migration (CMM) des German Marshall Fund of the US (GMF) einen Workshop zu digitalen Innovationen zur Qualifizierung und Kompetenzerfassung für die berufliche Integration von Zugewanderten an. Ziel war es, im Sinne des Peer-Learning die Chancen und Grenzen der Digitalisierung im Bereich der Arbeitsmarktintegration für Metropolregionen und ländliche Räume zu diskutieren. Die zentralen Ergebnisse fasst der folgende Beitrag zusammen.
Der von Dr. Christiane Heimann moderierte Workshop beinhaltete eine Podiumsdiskussion zwischen Expert*innen aus unterschiedlichen Staaten, Regionen und Bereichen der Arbeitsmarktintegration:
- Jane Graupman, Geschäftsführerin am International Institute of Minnesota (USA), das Qualifizierungen in unterschiedlichen Berufsbereichen für Zugewanderte anbietet.
- Irene Almazán Sotillos (Spanien), Projektverantwortliche von Nuevos Senderos (Teil des EU-geförderten Projekts Welcoming Spaces) und Mitglied des Share Networks. Das Share Network bringt europaweit verschiedene Akteure im Bereich der Migration und Integration von Zugewanderten in ländlichen Räumen zusammen.
- Christian Atzendorf, wissenschaftlicher Mitarbeitender der IQ Fachstelle Beratung und Qualifizierung, wo er an der Umsetzung von virtuellen Brückenmaßnahmen für zugewanderte Akademiker*innen und dem Monitoring von Qualifizierungsaktivitäten im IQ Netzwerk beteiligt ist.
Weitere Beteiligte:
- Laura Roser, wissenschaftliche Mitarbeitende am Forschungsinstitut Betriebliche Bildung, welches sich u. a. mit der Feststellung beruflicher Kompetenzen befasst.
Angebote für Zugewanderte im virtuellen Raum
Seit der Pandemie ist die Bedeutung virtueller Qualifizierungsmaßnahmen und digitaler Kompetenzerfassung gestiegen. Insbesondere in Metropolregionen wurden weltweit Apps and Plattformen entwickelt, um die Integration von zugewanderten Arbeitskräften zu unterstützen. Diese eröffnen auch neue Möglichkeiten für Bildungsdienstleister und Arbeitsmarktakteure in ländlichen Räumen. Dort gibt es zumeist zu geringe (Personal-)Kapazitäten, niedrige Teilnehmendenzahlen und begrenztes Know-how, um gezielt auf die individuellen Bedürfnisse von Zugewanderten einzugehen.
Virtuelle Qualifizierungen: Mehrwert und Herausforderungen
Während der Pandemie stellte das International Institute of Minnesota alle Kurse auf hybride Veranstaltungsformate um. Dies erforderte hohe finanzielle Investitionen und viel Engagement von Seiten der Dozierenden. Trotz der erfolgreichen Umstellung betonte Geschäftsführerin Jane Graupman die Grenzen virtueller Qualifizierung. Sie hob die Bedeutung des persönlichen Kontakts für die Vermittlung kultureller und zwischenmenschlicher Aspekte hervor, um in einem fremden Land anzukommen. In Präsenzveranstaltungen könnten Zugewanderte zudem andere Personen in einer ähnlichen Lebenslage kennenlernen. Das sei nicht nur hilfreich, um Freundschaften zu schließen, sondern auch um (professionelle) Netzwerke in der neuen Umgebung aufzubauen.
Auch im IQ Netzwerk wurden viele Qualifizierungen in virtuelle Formate überführt. Christian Atzendorf analysierte quantitative Daten von Teilnehmenden in den virtuellen Brückenmaßnahmen der IQ Fachstelle Beratung und Qualifizierung und verglich diese mit Daten anderer IQ Qualifizierungsangebote. Demnach war die Anzahl von weiblichen Teilnehmenden und Teilnehmenden aus ländlichen Räumen in den virtuellen Brückenmaßnahmen größer als bei Präsenzveranstaltungen. Virtuelle Qualifizierungen haben somit das Potential, Zielgruppen zu erreichen, denen die Teilnahme an Qualifizierungsangeboten sonst nur schwer oder gar nicht möglich wäre. Dazu gehörten Personen, die entfernt von Bildungseinrichtungen wohnen, nicht auf öffentliche oder sonstige Verkehrsmittel zugreifen können und/oder durch familiäre Verpflichtungen (ca. 10% der Teilnehmerinnen der virtuellen Brückenmaßnahmen sind in Elternzeit) oder aufgrund ihrer Erwerbstätigkeit (betrifft ca. 40 % der Teilnehmenden) unflexibel sind (vgl. Abb. 1). Die allgemeine Diskussion zeigte, dass es sich empfiehlt, möglichst flächendeckend Präsenz-, virtuelle und hybride Kurse zu unterschiedlichen Zeiten parallel oder in Kombination anzubieten, um eine möglichst große Zielgruppe zu erreichen.
Virtuelle Qualifizierungen
Chancen für verschiedene Zielgruppen:
- Frauen und Personen, die Erziehungs- und Pflegeaufgaben sowie sonstigen familiären Verpflichtungen nachgehen
- Personen, deren Mobilität aufgrund von individuellen und/oder infrastrukturellen Umständen eingeschränkt ist
- Erwerbstätige
Grenzen:
- Fehlende persönliche Kontakte
- Schwieriger Aufbau von Netzwerken
- Eingeschränkte Vermittlung von kulturellen und zwischenmenschlichen Aspekten
- Erlernen praktischer Tätigkeiten
Beispiele guter Praxis:
- Präsenz-, hybride und virtuelle Qualifizierungen zu unterschiedlichen Zeiten parallel oder in Kombination anbieten
Um die Vorteile virtueller Angebote vollständig nutzen zu können, braucht es in vielen ländlichen Gegenden Europas allerdings noch eine bessere infrastrukturelle und technologische Ausstattung. Irene Almazán Sotillos, Projektverantwortliche von Nuevos Senderos, wies insbesondere auf fehlende Internetverbindungen und ungenügende Hard- und Software hin. Diese Technologiedefizite müssten im Rahmen ländlicher Entwicklung zunächst behoben werden. Wichtig sei es deshalb, den Zugang von Zugewanderten zu bereits bestehenden Onlineressourcen zu erleichtern. Unter diese fielen auch die zunehmend umfangreicher werdenden Informationen zu ländlichen Entwicklungsprojekten auf Webseiten und in den sozialen Medien. Dabei sollten immer die Bedürfnisse und Interessen der Zugewanderten berücksichtigt werden. Ein Beispiel guter Praxis in Spanien biete LaArtesa, ein Projekt der Stiftung CEPAIM für (zugewanderte) Frauen in ländlichen Räumen zu Gründung und Selbständigkeit. Das Projekt bietet u.a. Training zu Suchmaschinen-Platzierung und Online-Marketing. Zur Stiftung CEPAIM gehört auch das Programm Mujer Rural Avanza, welches u. a. Sensibilisierungskampagnen zur Digitalen Spaltung sowie Workshops zur Online-Stellensuche und digitalen Verwaltungsprozessen durchführt.
Neben den technologischen Voraussetzungen ist ein ausreichendes Sprachniveau wichtig für die erfolgreiche Teilnahme an Qualifizierungen. Um sicherzustellen, dass die Teilnehmenden den virtuellen Kursen folgen können, hat die IQ Fachstelle Beratung und Qualifizierung deshalb ein auf Grundlage der Profilanalyse nach Grießhaber basiertes digitales Tool zur Beurteilung des Sprachstandes entwickelt. Ziel war dabei neben einer detaillierteren Einschätzung des Sprachstandes über die gängigen Zertifikatsstufen hinaus auch, individuelle Förderbedarfe zu erkennen, um diese in den Kursen aufzugreifen. Bei der sprachlichen Beurteilung haben sich über die Niveaustufen B1-C1 nach dem Europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GER) deutliche Diskrepanzen zum zertifizierten Sprachniveau gezeigt. Viele Teilnehmende mit einem B1-Zertifikat schnitten beispielsweise deutlich besser ab, als es auf dieser Niveaustufe zu erwarten wäre – auf dem C1-Niveau sei hingegen für einige Teilnehmende das Gegenteil zu beobachten.
Kompetenzfeststellung im virtuellen Raum
Neben Sprachkenntnissen sind für die Arbeitsmarktintegration von Zugewanderten in erster Linie berufliche Kompetenzen von Bedeutung. Zur Erfassung von Kompetenzen haben in den letzten Jahren ebenfalls digitale Tools an Bedeutung gewonnen. Laura Roser vom Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) stellte in einem Input die in Deutschland entwickelten Tools MYSKILLS, meine-berufserfahrung.de und check.work vor, die berufliche Kompetenzen auch von Menschen ohne formalen Abschluss sichtbar machen. Auch in anderen Ländern wurden ähnliche Tools entwickelt, wie skilllab, was von der Stadt Amsterdam zur Integration zugewanderter Arbeitskräfte genutzt wird. Solche digitalen Tools sind hilfreich, um schnell, günstig und einfach die Fähigkeiten von Zugewanderten mit oder ohne beruflichen Bildungsabschluss für einstellende Betriebe sichtbar zu machen – und ermöglichen den Zugewanderten selbst eine erste Einschätzung der Relevanz ihrer Kompetenzen für den hiesigen Arbeitsmarkt. Bei der Gestaltung sollte auf eine spracharme bzw. mehrsprachige sowie eine kultursensible Aufbereitung geachtet werden. Ergänzend können praktische Fähigkeiten bspw. durch Probearbeiten im Betrieb oder über Verfahren wie Valikom erfasst werden. Jane Graupman wand ein, dass die unpersönliche Art einer virtuellen Prüfungssituation den Druck auf Zugewanderte erhöhen könne. Als Beispiel guter Praxis zeigten die Erfahrungen am International Institute of Minnesota, wie wichtig es sei, Zugewanderte (persönlich) während der Qualifizierung, in Prüfungssituationen, bei der Stellensuche und dem Bewerbungsverfahren zu begleiten.
Digitale Tools zur Kompetenzfeststellung
Chancen:
- Schnelle und niedrigschwellige Beurteilung von Fähigkeiten
- Transparenz von Kompetenzen für Arbeitgeber
Grenzen:
- Subjektiv erlebter Druck kann Ergebnisse negativ verzerren
- Praktische Kompetenzen begrenzt feststellbar
Beispiele guter Praxis:
- Begleitung der Zugewanderten während Qualifizierung, Training, Stellensuche und Assessment
Digitalisierung im ländlichen Raum
Während Irene Almazán Sotillos die Vorteile der Digitalisierung für die Arbeitsmarktintegration von Zugewanderten auch für ländliche Räume erkennt, hob sie die Hürden hervor, die in ländlichen Räumen noch zu überwinden sind, bevor die Vorteile der Digitalisierung komplett ausgeschöpft werden können. Neben fehlender Infrastruktur seien das vor allem mangelnde Möglichkeiten zum Austausch von Wissen und Erfahrungen zu Innovationen und Beispielen guter Praxis, aber auch geringe finanzielle Mittel für die Integration von ausländischen Arbeitskräften in ländlichen Gegenden.
Hervorragende Arbeit für den Austausch zu guten Praktiken und zur lokalen Politikentwicklung in ländlichen Räumen leistet das Share Network, welches auf EU-Ebene die Interessen von ländlichen Räumen in Bezug auf Migrations- und Integrationspolitik vertritt. Das Share Network empfiehlt eine Bottom-up-Strategie, welche unterschiedliche Regierungsebenen und Stakeholder einbezieht, um Raum für Teilhabe und Kapazitätsaufbau zu schaffen, wie sie auch in Deutschland durch das IQ Netzwerk im Bereich der Arbeitsmarktintegration von Zugewanderten umgesetzt wird.
Digitalisierung für ländliche Räume
Chancen:
- Ressourcen und Know-how können einfach und schnell übermittelt werden
Grenzen:
- Fehlende Infrastruktur, wie Internetverbindung
- Ungenügende Hardware und Software
- Begrenzte finanzielle Mittel
Beispiele guter Praxis:
- Workshops, die digitale Kompetenzen vermitteln
- Zielgruppenspezifische Angebote, bspw. Online-Marketing für zugewanderte Selbstständige
Beitrag von Dr. Christiane Heimann und Christian Atzendorf für den Newsletter 3/2022 der IQ Fachstelle Beratung und Qualifizierung
