Mobile Beratung – Erfahrungen aus IQ
Begriffsdefinition
Der Begriff mobile Beratung steht im Folgenden für Beratungsangebote, die keinen festen Standort haben oder ihren ursprünglichen Standort verlassen, um den Zugang zur Zielgruppe oder einer bestimmten Teilgruppe der Zielgruppe zu verbessern. Die Beratung kann an mehreren ggf. wechselnden Standorten außerhalb der Räumlichkeiten des Anbieters erfolgen, die für die Zielgruppe gut erreichbar sind.
Entwicklung der mobilen Beratung in IQ
Ziel des Beratungsangebots im Förderprogramm IQ ist es, jede und jeden zu erreichen, die oder der Beratungsbedarf hinsichtlich der Anerkennung eines ausländischen Berufsabschlusses hat – und zwar flächendeckend in ganz Deutschland. Deshalb gibt es neben über 100 festen Anlaufstellen auch etwa 60 mobile Beratungsangebote, die Anerkennungs- und Qualifizierungsberatung anbieten.
Der Hauptgrund für die Etablierung mobiler Beratungsangebote in IQ ist, den Weg in die Beratung für die Ratsuchenden zu verkürzen und vereinfachen. Die Beratung kann dadurch nicht nur in den größeren Städten, in denen ein ausreichend großer Beratungsbedarf einen festen Beratungsstandort rechtfertigt, sondern auch in kleineren Städten und strukturschwachen Regionen angeboten werden. Durch das Angebot mobiler Beratung an Orten, die ohnehin von der Zielgruppe frequentiert werden (z. B. Agenturen für Arbeit und Jobcenter, Träger von Sprach-/Integrationskursen, Flüchtlingsunterkünfte) kann der Zugang zum Beratungsangebot zusätzlich verbessert werden. Insbesondere auch als Folge der hohen Zahl an Geflüchteten in den vergangenen Jahren steigt der Bedarf an mobilen Beratungsangeboten. Denn Flüchtlingsunterkünfte befinden sich häufig in entlegenen Gegenden, die teilweise schlecht an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen sind. Zusätzlich fehlt es vielen Ratsuchenden an finanziellen Mittel, um Fahrten zu entfernteren Beratungsstandorten zu bezahlen.
Ein weiterer Vorteil mobiler Beratung ist, dass der Bekanntheitsgrad des Angebots vergrößert werden kann. Zudem lässt sich durch die Kooperation mit anderen Akteuren im Anerkennungsverfahren die Effizienz der Beratung steigern, da Absprachen und Verweise direkt vor Ort möglich sind. Auch in anderen Kontexten kann mobile Beratung sinnvoll sein, da so ein besonders niedrigschwelliger Zugang zum Angebot hergestellt werden kann. Dies ist bspw. der Fall in Beratungskontexten, in denen die Zielgruppe soziokulturelle oder psychosoziale Hemmnisse hat, Beratungsangebote wahrzunehmen, weil es sich um eine stigmatisierte Gruppe bzw. stigmatisierte Beratungsthemen handelt (z.B. Suchtberatung). Außerdem bietet ein mobiles Beratungssetting direkt bei dem Ratsuchenden zu Hause die Möglichkeit, das sozialräumliche oder institutionelle Umfeld mit einzubeziehen. Das ist z. B. in Beratungskontexten, in denen Problemlagen besprochen werden, die nicht losgelöst von der Lebenswelt der oder des Ratsuchenden betrachtet werden sollten (Familienberatung, Beratung zum Umgang mit schwerer Erkrankung etc.), vorteilhaft.
Hürden und Herausforderungen der mobilen Beratung
Ein zentraler Unterschied zwischen standortgebundener Beratung und mobiler Beratung ist, dass die mobile Beratung, insbesondere in der Aufbauphase, mit einem erheblichen Mehraufwand verbunden ist. Je nach Beratungskonzept muss ein Kooperationspartner und/oder geeignete Beratungssettings ausfindig gemacht werden. Da nicht in den eigenen Räumlichkeiten beraten wird, muss außerdem darauf geachtet werden, dass der Anbieter sowie Zielsetzung und Leitsätze des Beratungsangebotes transparent sind. Bei Beratungen in den Räumlichkeiten von Kooperationspartnern ist dies besonders wichtig, um eine Verwechslung mit diesen auszuschließen. Weiterhin müssen sich Träger und Beratende in die jeweiligen lokalen Strukturen einarbeiten. Das heißt, an jedem Ort, an dem mobile Beratung stattfindet, muss in Erfahrung gebracht werden, wer die für das Beratungsthema relevanten Akteure vor Ort sind und die lokalen Strukturen und Prozesse, die die Zielgruppe betreffen, ausgelotet werden. Im Umkehrschluss müssen auch die lokalen Akteure mit dem mobilen Beratungsangebot bekannt gemacht und das Angebot vor Ort beworben werden. Dies wird zusätzlich dadurch erschwert, dass man nicht permanent vor Ort präsent ist und weniger gut mit den lokalen Netzwerken und Multiplikatoren vertraut ist.
Auch der Organisationsaufwand für die einzelnen Beratungstermine ist wesentlich höher, da die Fahrtwege der Beratenden berücksichtigt, sich mit den Kooperationspartnern abgestimmt und ein sinnvoller Beratungsrhythmus etabliert werden muss. Eine gute Terminorganisation ist hier unerlässlich: Die Beratung soll nicht zu selten stattfinden, damit Ratsuchende nicht zu lange warten müssen, aber auch nicht zu häufig, damit sich An-/ und Abreise lohnen. Auch die inhaltliche Vorbereitung auf die einzelnen Termine nimmt mehr Zeit in Anspruch, da vor Ort häufig nicht auf alle Ressourcen (Informationsmaterialien, Internet, Drucker etc.), die in einem festen Bürostandort gegeben sind, Zugriff besteht. Deshalb muss man sich vorab schon für alle Eventualitäten rüsten. Schließlich ist auch die Abstimmung im Team erschwert, da man sich weniger häufig sieht als ein Team, das ausschließlich am selben Standort berät. Daher sollte ein einheitlicher Wissensstand im Team gewährleistet werden und besonders auf Raum für kollegialen Austausch und ein sehr gutes Wissensmanagement geachtet werden.
Aus diesem Mehr an Aufwand resultiert eine erhöhte psychische und physische Belastung für mobil Beratende. Die Beratung muss häufig in suboptimalen Settings stattfinden, was die Herstellung einer angenehmen Beratungsatmosphäre und den Beratungsalltag zusätzlich erschwert. Bei Fragen, Problemen und Unsicherheiten sind meist keine Kollegen vor Ort, um Unterstützung zu bieten. Die mobil Beratenden sind dann die alleinigen Ansprechpersonen, was zu einer persönlichen Abhängigkeit der/des Ratsuchenden führen kann, sodass es für manche Beratende schwer ist, notwendige Grenzen zu ziehen. Schließlich stellt das ständige Unterwegssein auch eine hohe physische Belastung dar.
Handlungsempfehlungen zu Aufbau und Durchführung einer mobilen Beratung
Um diesen Herausforderungen zu begegnen, empfiehlt es sich, durch eine gewisse Kontinuität den Aufwand für eine Einarbeitung in lokale Strukturen sowie für Planungs- und Abstimmungsprozesse zu minimieren. So können bei regelmäßig am gleichen Ort stattfindenden Beratungen viele Abläufe standardisiert werden und sich eine Routine entwickeln. Weiterhin können die Kooperationspartner so gewählt werden, dass sie bei der Bewältigung der Herausforderungen eine Unterstützungsfunktion einnehmen. Oft können sie zur Verbreitung und Etablierung des Angebots in den lokalen Strukturen beitragen, wenn sie vor Ort bereits gut vernetzt sind. Des Weiteren können sie im Beratungsprozess unterstützen und ggf. durch die eigene Zuständigkeit zu Synergieeffekten beitragen. Bei den Kooperationen mit der Arbeitsverwaltung im Förderprogramm IQ hat es sich z. B. als sehr hilfreich erwiesen, dass die Übernahme der Kosten für empfohlene Qualifizierungsmaßnahmen direkt im Haus geklärt werden konnte. Kennt man sich persönlich, kann außerdem die Expertise leichter mit einbezogen und Doppelstrukturen entgegengewirkt werden. Schließlich stellen Kooperationspartner häufig die für die Beratung benötigten Ressourcen zur Verfügung (geeignetes Beratungssetting, Zugriff auf Internet, Drucker etc.). Können die Ressourcen nicht durch den Kooperationspartner gestellt werden bzw. wird ohne die Unterstützung eines Kooperationspartners mobil beraten, kann die Sicherstellung der notwendigen technischen Ausstattung vor Ort ggf. durch einen „mobilen Beratungskoffer“ erfolgen. Ein mobiler Beratungskoffer kommt z.B. in der mobilen Beratung im IQ Landesnetzwerk Hessen zum Einsatz und enthält alle Materialien für eine erfolgreiche Beratung in transportfähigen Ausführungen, wie z. B. einen mobilen Drucker und einen portablen Router.
Die speziellen Anforderungen an mobil Beratende können berücksichtigt werden durch:
- gründliche Einarbeitung, in der auch Grenzen der Beratung aufgezeigt werden
- Raum zur (Selbst-)Reflexion
- Einbindung in regelmäßige Austauschformate in der Organisation und im Netzwerk
- Vorbeugung von Überlastung durch regelmäßige Prüfung des Arbeitspensums
- geschickte Gestaltung der Terminvergabe und -organisation
Vor allem aber muss genügend Raum für eine gute Vorbereitung der Beratungstermine gegeben sein. Denn diese ist ausschlaggebend für den Erfolg der mobilen Beratung, da sich hierdurch fast alle Herausforderungen erfolgreich meistern lassen. So kann schon bei der Terminvergabe Transparenz über das Leistungsspektrum des Angebots geschaffen und Beratungsanliegen und Eckdaten der Ratsuchenden erfragt werden. Personen, deren Anliegen nicht in das Beratungsspektrum fällt, können so sofort weiterverwiesen werden. Damit lässt sich eine Vorauswahl der Ratsuchenden treffen, damit nur dann eine Beratung in Anspruch genommen wird, wenn dies sinnvoll ist. Mit Hilfe der Vorabinformationen können Beratungen außerdem so vorbereitet werden, dass nur die relevanten Unterlagen und kein unnötiger Ballast mitgenommen werden und vor Ort ggf. gar kein Internet, Drucker etc. benötigt wird. Während der Vorbereitung am Standort kann zusätzlich noch auf kollegiale Hilfe zurückgegriffen werden. Auch ein gutes Briefing der Ratsuchenden ist essentiell, damit zur Beratung auch alle relevanten Unterlagen mitgebracht werden. Schließlich sind Absprachen und Vereinbarungen mit dem Kooperationspartner im Vorfeld zu erledigen, damit nicht erst vor Ort nach Ansprechpartnern, Räumlichkeiten, Passwörtern o.ä. gesucht werden muss.
Insgesamt kann der Mehraufwand durch die beschriebenen Strategien maßgeblich reduziert werden, sodass die mobile Beratung sehr lohnenswert ist. Aufgrund des Mehrwerts mobiler Beratung für die Zielgruppenerreichung ist es wichtig, dass der Aufbau und die Weiterentwicklung mobiler Beratungsangebote durch Handlungsempfehlungen „von der Praxis für die Praxis“ unterstützt wird. Die neu erschienene Publikation „Mobil beraten“ der Fachstelle Beratung und Qualifizierung will hier einen Beitrag leisten, in dem sie IQ- interne und externe Expertise bündelt und anderen Beratungsdienstleistern zugänglich macht.
Beitrag von Ann-Kathrin Liedtke für den Newsletter 4/2018 der Fachstelle Beratung und Qualifizierung
